Der Lieben Gewahrsam, dem er nicht mehr zu entfliehen fähig war und das Straucheln jeder Figur, die sich ihm zu entziehen suchte, war Wurzel und Gipfel jedes seiner Versuche, dem angefangenen Leben, das vor ihm lag, Sinn zu verleihen. Dieser stieg aus den Zeichen und verdichtete sich zu Gedankensträngen, Annahmen, Thesen und verlor sich alsobald in diesem und jenem Anfang zu Geschichte, verdünnte sich selbst in hehren Hypothesen, die kaum haltbar und schon gar nicht einsehbar waren. Lebenslang gab Hoffnung ihm die stete Versuchung, seiner selbst sich als Herrscher aufzugeben und den Willen einer Aufgabe anheim zu stellen, die höher, mächtiger und wichtiger als seine Erhaltung sei. War dort der Trieb verwurzelt, sich der anderen zu bemächtigen und sich selbst als den Stamm fortzuführen, blieb ihm dies in der Erbauung über schon geschaffenes haften, klebte gleichsam an den frühen Wesen seiner Kultur und ließ die nicht mehr wachsen, die sich erweitern und verstärken wollten. Es kam das einer Entmannung gleich und Friedenssucht, die ihn noch beutelte, als schon die Kriege längst vergällt uns und die Fahnen schon wieder wehten, dann noch schlug er Trommeln und erzählte aus den Zeiten, wo der Harmonie noch fehlte an Wirklichkeit, wo zum Jagen nach dem Schöpfertum noch Konkurrenz und Verschiedenheit gepredigt wurde. Hier, wo wir heut stehen, ist ja längst der toten Abgötter gedacht worden und in Eintracht stehn die Jünger vor dem einen Kreuz der Welten, suchen Schmach, Erniedrigung wo einst wohl zu erhalten und empfangen: Befreiung, Erlösung, Barmherzigkeit. Hatten die schon den Glauben aufgegeben? Viele wohl, die noch zweifelten und mehr noch, die abgefallen waren und sich entledigten der Sakramente, die doch ein Leben walten sollten. Die leichten Denkens waren verbittert und schlugen ihn, den sich der Wille selbst gesucht hatte, zum zweiten Mal ans Kreuz, darauf die noch erstandenen Gebete, die er ihnen gab, den Kreislauf schon erneuert hatten und das nächste Zeitalter zu beginnen bedeuteten. Denn im Widder standen wir noch, als dies verzeichnet, und die Krone jenes, der damals starb an unser statt, war nicht von Gold, war keine eines Herrschers und doch herrscht er bis heute in der Fügung. Die Steine, die zu seinem Gebet geschichtet, wo viele noch gebettet sein sollten, kamen auch Kreuzen nahe, versuchten noch, dem einen Glauben anzuhängen, was des seinen war. Man trennte wohl danach, was unser und was ihr Gebet verschieden ausgestaltet hatte und noch mehr: versiegt waren Quellen des gemeinsamen Zeitalters. Wir gingen in der Zeit dahin und fanden, daß es wohl daran getan wäre, die Zusammenkunft nicht weiter zu verzögern, daß aus diesem endlich Wahrheit spräche, der zu Wahrheit gekommen war. Der ging noch so weit, daß er im Eifer einer Chronik ganze Welten - wie man sagt: „über den Kamm scheren“ wollte; wir ließen ihm dieses zu, doch die Altväter, die da noch lebten und wachten, wollten keine Allgemeinheit, keine Übergleichheit und auch keiner wollte Versöhnung mehr. Wir hätten ihm wohl einiges gestattet an Zukunft, so wie einer zum Glauben käme, wäre ihm das Weltreich geschenkt schon. „Der wollte sich den Glauben wählen; Frevel!“ Andacht am Grabe hießen sie ihn nehmen, Hölzer brennen, Hügel schaufeln und darauf soll eine ihm erschienen sein, der lief er nach und kam darauf - erleuchtet ihn - wohl nicht mehr an dem verlassenen Punkt zurück, doch Jahre später, die ihm geschenkt. Das zuoberst gekehrte Dankesende wartete, er seinerseits erwartete Stillung seines Glaubens von den Seinen, die er verkehrt scholt. So verging ihnen die Laune an seinem Leben und dieses verdunkelte sich, er: wartete auf einen, darein sich zu finden und wen hatte er am Ende des Wartens erreicht? Den Chronisten daselbst, der sich noch unsicher ob des Glaubens des Schülers; er, zur Fügung gerade gut genug geraten, ließ nun aus dem Bande, das scheinbar von Gott gegeben, eine Quelle sprudeln, die nicht mehr versiegen sollte, solange er an dieses glaubte, was aus ihr hervorplätscherte. Die Streiter waren an dem Punkte angelangt, wo Rücksicht und Verlangen, zwei gegeneinander Wahrheit beanspruchende Pole dem jeweils anderen den Vortritt geradezu aus Rücksicht auf das Wohl dessen ihm angedeihen ließen. Da waren Genossen noch, die Bartholomäus Messer schwenkten, fluchend durch die Gassen zogen und das Hinschauen der Welt war wie ein kurzes Zwinkern nur an ihren Blick gefügt, der sich hernach als falscher herausgestellt sah. Die langen Nächte des ohne Zweifel gefährlichen Dranges, das Richtige zu wollen, den alleinigen Anspruch geltend machen zu müssen, der sich dem anderen noch aufsetzte, der sich am anderen noch vergrößerte zu fast unendlicher Weite des Gewissens, diese also waren die der wahren Kunde von Verheißung und Vorsehung, die man maß. Es ging darüber, daß die so gewonnene Zeit des guten Gewissens an Schmach und Drangsal für denjenigen, dem sie angebrochen, nur noch mehr an eitriger Gesinnung versprach, noch mehr des willenlosen Kampfes gegen die selbst schon gewußten Windmühlen von ihm nötigte, noch weniger der echten Traurigkeit und echten Wahns zeigte, als vor dem mal, das seinen Tag begann. |