Das Innerste Tor


Am Rande hatten sie, wo die Villen der Städter langsam abgelöst wurden von ländlichen, kleinen Häusern mit Hühnerstall und Karnickelbuchten, mit ungepflegtem Rasen und Kirschbäumen, in denen Kinder hingen - dort also hatte man den toten Männerkörper gefunden, unversteckt vor dem Tor des städtischen Friedhofs am Abend vor Allerseelen. Der Pfarrer, der aus dem Amtshaus sich begeben hatte, um noch vor Einbruch der Dunkelheit eine Runde zu gehen, war nicht schlecht überrascht gewesen, als er auf der Bank vor dem Zaun jemanden erblickte, dessen Zustand er als den Letzten wähnte, sobald er näher gekommen war, um besser sehen zu können. Bald war Polizei und ein Arzt zugegen, es wurde ein natürlicher Tod festgestellt. Es war nicht von Alkohol die Rede oder ähnlichem, auch war es ein milder Novemberabend, erfrieren konnte niemand. Dem Pfaffen war ein freundliches Gesicht unter dem grauen Haar begegnet, das ihn an einen Weggang in Frieden denken ließ und glückliches Dahinscheiden. „Ich war dem Alten schon vertraut geworden, als es ihn aus dem Leben riß. Ich konnte nicht länger an Zusammensein denken, zweisame Begegnungen an unscheinbaren Orten aushandeln und dabei den Kreis immer enger ziehen um den geliebten Kirchhof. Da saß er nun, wo ich ihn gelassen hatte, Bank für Bank war gewechselt worden, bis nur diese vor dem Tor des Friedhofs übrig blieb und uns gefiel.“
Dem Manne war bescheinigt worden, daß unheilbares Leiden in seinen Adern pulsierte - der Kirchendiener hatte ihn einmal abgewiesen, als er sich ein Grab wählen wollte, jenes, das im Norden in einer Art Erker aus dem Zaun brach. Wenn er, schwach vom Liegen noch im Krankenbette, den Gang wagte die große Straße entlang bis zum Ortsende,  und dann einen kleinen Anstieg links am Berg hinauf, bis der Weg nach einer Schleife vor das eiserne Tor des Inneren Bezirkes führte, dann sah er sich dort gern schon ruhen und erwartete es kaum. Es sollte jedesmal sein letzter Gang gewesen sein, der ihm die Lungen rasseln und das Herz laut pumpen ließ, daß ihn Mäßigung ankommen würde. Ich sah ihn an Abenden dort; von der Hochebene herab konnte man den Schlängelpfad gut einblicken, der an der Bergkante hinauf führte. Es gingen von der Schleife ab verschiedene Wege nach näheren Orten und der Innersten folgend dem Stausee zu. Ich war an dieser Stelle oft auf einer Bank sitzengeblieben, um die kleine Höhe zu überblicken, die man gewonnen hatte nach dem kurzen Anstieg. Unten lief der Bach schon rauschend, die Straße ging in einer Brücke darüber hinweg, am Ausgang stapelte sich Holz auf einer freigeschwemmten Wiese. Die Wagen der Forstarbeiter dröhnten in unregelmäßigen Abständen mal von weitem, mal näher. Ein Weg, dem ich immer wieder zum Opfer fiel, wenn ich die Orientierung verloren hatte, war eine schlammige Lache, in der ich bald wie in einer Grube versank, diese nur aufgeschüttet, um mich zu narren. „Das Mädchen folgte mir, mal ging sie voran, wir machten gute Wege. Am Abend fielen wir tot in irgendein Bett irgendeiner Herberge, die sich dorthin gestreut hatte, wo wir gerade umkippten. Und jeder Morgen fing neu die aufgehende Sonne ein in unseren spiegelglänzenden Augen. Rot war das, der Tag wärmte uns und manchmal war es unerträgliche Hitze, die uns verdorren ließ. Halt an den Steinmalen dort, den Stab zu Seite gesteckt und Wasser floß, wo unsere Münder durstig waren.“
Die Krankheit wollte ihrem Ziele nach, mich an den Alten zu binden und von dem Mädchen, das an seiner Seite heranwuchs, Demut fordern, so daß ich älter würde und genesen, dann, wenn unsere Schatten dem Mond vermählt würden wie jene vom Bruder und seiner Schwester, die man keusch-kühl Nonne nannte. Ich, zu Beginn als Fordernder, dann genügsam und später - jetzt noch - Dienender ohne Wankelmut, ich fand in dem Schattenbildnis Ihrer Heiligen Vermählung mit dem aufgesparten Gefallenen mein Ende nahen und sollte wissen, daß jener aus den Gebeinen der von meiner eigenen Hand gestorbenen Vergangenen erstanden war und dort wuchs, wo ich nicht hinzuschauen vermochte: am Herd des Unfriedens zwischen der Frau und ihrem Getreuen.



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