Da ist ein großer Streit zwischen uns geschehen, plötzlich, weil eines nicht beim andern bleiben konnte, jetzt sind wir beide in der Asche. Kennen wir uns aus? Wir lesen es im Gegenüber, das soll genügen, soll die Vernunft beruhigen, die noch kämpft. In unseren Gesichtern steht es doch schon längst, ohne, daß ich suche danach: ich liebe deinen Traum. Du sollst sehen: das sind vier Seiten bitteres, die man mir zusammenstammelt, während ein Mensch stirbt eine Woche lang, in meinem Kopf stirbt jeden Tag und ich ihn am Abend erwecken muß, indem ich seine Stimme anhöre. Die geht mir nie davon, geht nicht aus diesem Hirn heraus, der liest und liest es über Jahre und als die Geschichte erzählt ist, sinkt es in ihm zusammen, was uns alle hielt, so daß man nicht mehr sagen kann, ob es ein Buch war, oder nicht er selbst, die Geschichte, drei ganze Jahre ––––––––––– Lehrstellen aufschreiben: ich zögere und habe es gemerkt. Die junge Frau Mahler, ich erinnere mich an sie. Wir saßen eingeklemmt zwischen unseren Stuhllehnen, sie vielleicht nicht ganz so wie ich, weil sie schmaler war als ich, natürlich. Braunes, bis in die Stirn gescheiteltes starkes Haar, braunes Kostüm aus einem Stoff, den ich noch nie gesehen hatte, dunkle Strumpfhosen, strenge Schuhe, aerotisch, keine Züge eines Wesens, das mir irgendwie nahekommen kann. Und jetzt ist Zeit für eine Stelle, mich an sie zu erinnern. Ich sprach vom Toten und den ewig Lebenden, die mich bei ihm gesehen haben. Kein Efeu, kein Requiem... keine lauten Stimmen mehr, kein Beten, Singen... keine undankbaren Blicke, kein Verhalten im Sagen, einfach... man stand vor den anderen und blickte zur Seite weg ohne Zwang, ohne richtigen Zweck, nur, weil er einmal von uns war. Thomas nannte sie mich, sprach mich an mit einem alten Namen, den ich mir damals selbst gegeben hatte und niemand davon wußte, daß der Zwilling ja schon wartete, ins Leben entlassen zu werden, lange Zeit, lange Nächte voller Kämpfe, Zweifel und Versuchen, mich zu erwecken. Wo auch der Aquinate seine Stimme erhoben hatte, wuchs ich auf, im Schatten großer Brüder tat ich Pflichten, doch mehr schlecht, weil ich sein Liebling war und träumte viele Stunden lang. Ich hatte nicht in der Nennung des Namens erwartet, daß die junge Frau Mahler ihren Schatten rief bei diesem. Unklares wuchs mir entgegen, wo ich dann ihr Lächeln antraf, unklares ging von ihr aus, wenn sie wieder ernst war, wo ich versuchte, in ihr Lächeln einzugehen. Es war ja der Zwilling, den sie mit dem Namen ihrer Erhöhung herbeirief, ohne zu wissen, wen sie weckte. Und also traten wir uns kennend gegenüber, einmal ausgesucht, so weit schon fortgewachsen, daß ich nicht mehr sprechen mußte von der Angst und ihren Nächten. Namen nur, dauernde Scheingebete an die elohim in der Vielheit, die ich fast geträumt habe, vielleicht morgen, vielleicht in einer sterndurchwachten Nacht bis in die Sonne, wenn ich dann eingeschlafen war unter der Terebinthe. Und es wird kalt dabei, wo ich es nahen spüre, dagegen sich nicht wehren läßt. Die Endlichkeit spricht uns an, uns, die wir nahe im Gespräch waren, immer schon. - Aus Ihrem Mund, Thomas, werden alle seine Worte geboren und die Kunst, die sich ihm aufbindet, läßt keine Fragen übrig, nur Antworten, die ich Ihnen schulde. Wenn Sie ihn einmal wach sehen würden, den großen Schläfer in seinem Traum und ihn in Ruhe beobachten könnten - Sie ahnen es sicher, wie schwer man ihn so treffen kann. Er liegt und atmet laut, vergißt, daß er kein Mensch ist und ist fast einmal das Kind, das er selbst zeugte aus der Rippe seines Lieblings. Wir glauben ja daran, an jedem kleinen Platz, wo unser Herz ihn anzubeten fähig ist. Wir weinen ja um ihn und geben uns den Anschein, daß er dieses hört. Wo jede Silbe seines Namens aufgehoben wird, da tönt es hin, tönt aus uns weit und laut genug, wenn wir es haben... wenn wir lesen. Thomas, geben Sie ihm die Rechte. Er erwartet es. Es ist ein schwerer Schatten. Ein längliches, schmales Rinnen aus Felsen, das tröpfelt herab in die Grotte, wo ich warten muß. Man legte mir eine Münze unter die Zunge, ich war wohl untergegangen, so holte man mich aus dem sumpfigen Wasser. Den Fährmann selbst habe ich nicht sehen können, er stand verdeckt von anderen, die mit mir fahren mußten, weil ich ihnen etwas schuldig geblieben war, ich riß sie mit in jene Unwirklichkeit, die ich wählte. Einmal schaute ich wohl zurück und sah noch, wie es leuchtete, wo ich hergekommen war. Das ist Erinnerung, dachte ich, das ist der Weg und das, was vor mir liegt, eine Form, die sich nicht spiegeln läßt. Es ist das Graue, das sich eine Farbe sucht, in welcher es die Welt betreten will. Das Graue. - Einen Schatten wünsche ich mir, Thomas, wissen Sie das? Diesem hier folgt langes, unendlich langes Schweigen, wenn ich ihn einmal rufe, so daß wir ewig nicht miteinander reden können. Es ist, als würde er nur aus diesem Schweigen bestehen, das ihn in Ihrer Nähe plötzlich überfällt und ihn ganz einnimmt. Ich sehe ihn von ferne - da ist er Geistleben, da ist er entufertes Wortgebahren. Er kommt in seine Grenzen erst hier, zwischen uns, Sie wissen, wovon ich rede. Was ist es, das Sie ihm antun, sprechen Sie! Der Zwilling wartet, bis er eine Antwort gibt. Erst spreche ich. Noch ohne Bezug, noch in mich versunken. Die junge Frau Mahler hört, was dort geflüstert wird, der Zeitenraum ist offen, noch ist es so. Die Sprache hat begonnen, zu veralten, sich umzuwenden, kehrt unter den Höhepunkt zurück. Vielleicht kann deshalb unser Gespräch nicht stattfinden... weil ich im alten suche und sie nur die Zukunft kennt oder weil ich zwar das Geheimnis weiß, doch ihre Sprache nicht erfinden kann und sie in jenen Worten umherirren lasse auf der Suche nach einem stummen Schatten. Worte geben, die möglich sind, das können wir gerade, die Gestalten besänftigen, die in den Toren lauern. Doch als wir uns herauswagen zu den anderen, sehen wir, daß ihnen die Gesichter fehlen um so mehr, je näher wir kommen. Einige hatten sich entschlossen, eine Form anzunehmen und manche waren gefolgt. Der Rest ging verloren auf dem Weg von der Substanz zum Wesen. Die junge Frau Mahler wartet und kann ihrem Bezug entkommen. Sie zieht weiter und weiter ihre Kreise und behält Recht: nur im Moment kann ich ihre Nähe ertragen, im Schweigen und Warten. Dann löse ich mich und verwandle ihren Ruf in Sprache, die sich fügt, bis alles Schwingen im Kristall erstarrt ist. Strukturen, die sich dort bilden und mich binden, dünn bespannte Augenfenster, die das festhalten... wählen mich zum Narren. Und ich halte daran fest, bleibe über die letzte Nacht etwas wacher als vorher. Ich lag noch auf der Wiese im Himmel, der in Sternen über mir stand, ich hatte ein Gefühl. Etwas großes war ausgegangen und ich hoffte, daß es nicht sein Leben war, ich hoffte, daß es nicht unsere Liebe war, Engel. Ein Kauz, wenn ich den Kopfhörer abnahm, schnarrte vor sich her. Gedanken. Schweres denken, unerlaubtes. Ich stehe auf, und Horizont ist überall schon, wo ich hinschaue, stehe aufrecht im Himmel, der sofort beginnt, sich auszudehnen gegen die Erde, sinkt hinab, ist keine Kuppel: ist wirklich keine Kuppel, sondern ist der Raum, der wirkliche Raum, der sich dort hinweitet. Nicht über mir nur, nein, geht von da in alle Richtungen fort, ich verkleinere mich, damit ich nicht mitten in ihm stehe, der plötzlich ohne alle Begrenzung um mich ist, überall. Es fängt schon am Boden an, dort hinauszuwachsen, keine Grenze mehr trennt mich, ich bin draußen, ich bin Außen im Kristall. Die Leere ist hier, ich sehe die Chimären, alles das, was blendet, was die Welt mit Wesen füllt, die mich täuschen sollen, alles, alles... einmal gesehen haben ohne den Boden, der sich darunter sammelt, sehen, daß er nur gedacht wird und seine wirkliche Gestalt: die angeplattete Kugel zwischen den anderen im System. Die Entdeckung des Himmels. Ich sehe es nun anders und du wirst mitkommen müssen ins All, wenn ich aufbreche. Ich breche aus. Die Schleusentüren zeigen rot, noch immer. Die junge Frau Mahler zeigt es an, daß nun die Zeit gekommen ist, die ich heraufbeschworen habe. Sie verblassen zu Schemen, alle Doktoren mit ihr, jeder Ablauf, jahrelang gelernt, wird überflüssig. Nur noch die Bewegung dort hinaus ist wichtig, daß ich den Stern noch schaffe zu fangen, den du mir geschossen hast. Sinnen, senken, sinken lassen es in tiefes Unbewußtes, das da draußen lebt, wo ich ihm begegnete für einen kurzen Augenblick blinden Verstehens. |