Das Mahlerdiagramm


Aber noch, ich: denke noch immer über den Wald nach; ich habe Angst. Es war ein Märchenwald glaube ich, der selbst durchlebt werden wollte, seine Geschichten sind nicht anders als mit dem Körper erlernbar. Die Psyche allein, die immer neue ewige Bettlerin, wenn ich auf den Weggang schaue, steht sie später wieder an der selben Stelle fest, als hätte ich ihr nicht längst Tribut gezahlt. Sie kann mir nichts mehr beibringen über die Welt und den Wald soll ich ertragen, niemand kann das von mir nehmen. Aber langsam kenne ich mich aus. Wenn es über Abend geht, haben sich in den Fußspuren genug Tropfen des Nieselregens gesammelt, daß ich mein Gesicht waschen kann. Auf dem See: Hier ist jetzt Wind, ein großer, starker Wind, der über das Wasserdunkel hinzieht und die Birken rauschen, die dünnen, und die Pappeln, ein paar Kiefern stehen steif und widerspenstig. Am Ufer schlagen Wellen an die Findlingssteine, das Boot schaukelt, halb an Land liegend, man glaubt: wie an Worte. Das kann man hören, was es heißen könnte, hier wird es angeschwemmt. Auch kleine Seen haben ihr Treibgut.
Ich warte also, immer sitzend, immer mit dem Ausblick zwischen den Birken hindurch, wo das alles herkommt. Es gibt natürlich diesen Ursprung auf irgendeiner Seite oder die Insel, deren Bäume ein paar Schatten ins Wasser werfen. Aber was davon übrig bleibt zu hören, wenn ich das wackelige Ruderboot betrachte, das sind die quietschenden Riemen und ein glucksender Hohlraum, ganz bestimmte Töne. Vielleicht habe ich ja etwas davon aufgenommen? Ich kann mich nur an den Regen erinnern, immer stärker und barfuß auf dem nassen Steg. Und an Ewa, schlafend. Sie bewegt sich. Ich möchte sie weiter anschauen, doch dreht sie sich gerade um. Ein kleines Ohr, das in die Nacht hinaussteht und alles wahrnehmen kann, längst mehr, als ich noch jemals vorstellen möchte. Darum bleibe ich ruhig und ich weiß, daß sie mein Herz trotzdem schlagen hört und, wenn es schneller geht, unruhig wird. Doch das ist nur der schwarze Tee. Ich will einen Blick auf sie tun, stehe von der Bank auf und setze mich neben dem Kopfende ihres Bettes auf einen Klappstuhl. Man blickt herunter, ein wenig Mond schien herein? Nein, es war die umsonst hell gebliebene Nacht des Sees, mit der er mich dazu bringen wollte, hier zu bleiben. Doch das ist her und vielleicht wird es einmal doch Mond gewesen sein, der ins Fenster schien und ein paar Schatten machte. Ich konnte das kleine Ohr kaum sehen zwischen Kissen und Decke, wie es lauschte aus dem Schlaf in mein Herz hinein. Aber als es hörte, wie das schlug und daß es ihm gut erging, war es ruhig und schlief bis morgens. Dann war ein neuer Tag und die Geschichten dieses Tages waren die von morgen, weil morgen immer der nächste Tag gewesen ist.



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